Video: Highlight-Vortrag und Podiumsdiksussion “Armut in einem reichen Land – Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird” (Prof. Christoph Butterwegge / Aktionswoche gegen Altersarmut

Am Donnerstag, den 18.10., referierte Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Professor für Politikwissenschaft am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, über das Thema “Armut in einem reichen Land – Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird”.

Die Veranstaltung von Obdach e.V., VbI, des DGB Rhein-Neckar und der IG-Metall lockte etwa 200 Interessierte in das Gemeindehaus der Christuskirche Heidelberg.

Zu Beginn machte Annett Heiß-Ritter vom DBSH auf das Diskussions- und Infoangebot der Aktionswoche aufmerksam und begrüsste das Publikum und Prof. Butterwegge.

Das Thema dieses Abends war auch der Buchtitel eines Buches von Professor Butterwegge, dessen Inhalt er in einem knapp einstündigen Vortrag darlegte.

Nach einer kurzen Vorstellung seiner Person begann Butterwegge über das oft verdrängte Thema Armut in der Bundesrepublik zu sprechen.

Er diagnostizierte, dass sich die von Armut betroffenen Altersschichten über die Jahre verändert hätten. Er nannte die nach dem 2. Weltkrieg auf Trümmern lebenden als erstes Beispiel für Armut in der Republik, nach den Boomjahren in den 50er und 60er Jahren seien dann hauptsächlich Jugendliche und Kinder in den 80ern und 90ern von Armut betroffen gewesen.

Dies habe sich aufgrund von Veränderungen in der Arbeitswelt, einem sich erweiternden Niedriglohnsektor, einer ausgeprägten Liberalisierungspolitik und der Absenkung des Rentenniveaus mehr und mehr auf verschiedene Altersschichten ausgedehnt und beträfe aufgrund der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft auch immer mehr ältere Menschen und Rentner.

Derzeit gäbe es in der BRD ca. 760000 Menschen im Rentenalter, die im Minijob_Sektor arbeiteten, sagte Butterwegge.

Er betonte, dass Geld wichtig sei, um soziale Kontakte zu pflegen und Geldmangel zu Vereinsamung in unserer heutigen Konsumgesellschaft führe.

Butterwegge stellte klar, dass das Thema Armut seit der Einführung von Hartz IV zwar ein Topthema sei, aber oft zerredet und nur wenig dagegen getan werde.

Auch sei die Medienberichterstattung oft von Kurzlebigkeit und Einseitigkeit geprägt. Armut würde stigmatisiert und arme Menschen würden unter einem schlechten Image leiden. Armut würde von der Art und Weise der Berichterstattung ähnlich behandelt wie Rechtsextremismus und Gewalt.

Zum genaueren Verständnis seiner Darlegungen definierte Butterwegge die Begriffe relative und absolute Armut. Relativ Armut sei im Bezug auf das globale zu betrachten und sei das vorrangige Phänomen in unserer Gesellschaft, während absolute Armut hauptsächlich in anderen Regionen vorkäme, wo die Menschen wirklich nichts hätten.

Relative Armut in einem reichen Land sei für die Betroffenen oft deprimierender als absolute Armut in einem armen Land, konstatierte Butterwegge.

Butterwegge prangerte die steigende Kluft zwischen Armen und Reichen an und unterstrich dies mit dem Fakt, dass etwa 10 % der Bevölkerung über 53 % des Nettovermögens besässen und dies beim Thema Grundbesitz noch extremer ausfalle. Als Beispiele nannte er die Familia Brandt-Klatten und die Familie Albrecht, Besitzer des Aldi-Konzerns, die mit 43,2 Milliarden zu den reichsten Familien Deutschlands gehörten und deren Privatvermögen etwa 100 Millionen mal größer sei als der derzeitige Hartz IV Regelsatz.

Butterwegge machte des öfteren Referenzen zu berühmten Zitaten und Sprichworten, wie “Wer hat dem wird gegeben und wer nichts hat, dem wird der Rest auch noch genommen”, um auf die Ungerechtigkeit in unserem System hinzuweisen.

Butterwegge sagte explizit, dass Armut kein Unfall sondern funktional und gewollt sei. Hierbei kritisierte er nicht nur die derzeitige Schwarz-Gelbe Regierung sondern auch frühere Regierungen und Politiker, die durch ihre Steuerpolitik vorallem die Normal- und Niedrigverdiener belasten würden, während die Reichen immer mehr Steuervergünstigungen bekommen hätten, angefangen bei der Abschaffung der Erbschaftssteuer. Dies führe zu einem Ab- und Umbau des Sozialstaates und zum Zerfall des sozialen Gemeinwesens.

Als Lösungsansätze propagiert Butterwegge eine Umverteilung von oben nach unten, die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns in Verbindung mit Eindämmung von Niedriglohnarbeit.

Auch forderte er die Rückabwickling der sogenannten Riesterrente, da diese nur denen nutzen würde, die es sich leisten könnten privat vorzusorgen.
Desweiteren plädiert Butterwegge für eine Steuerreform mit gerechteren Vermögens- und Spitzensteuersätzen und eine Orientierung am sozialen Gerechtigkeitsgrundsatz.

Nicht als Lösungsansätze sieht Butterwegge, die reine Fokussierung auf Bildung als Vorbeugung gegen Armutund die Elitenbildung, die nur für wenige Menschen zugänglich sei.

Auch ein bedingungsloses Grundeinkommen sei kein Lösungsansatz, da es nicht für eine Neuverteilung des Kapitals sorgen würde, und dadurch Niedriglohnarbeit weiter gefördert werden könnte. Auch sei eine Finanzierung des Grundeinkommens utopisch im Anbetracht der gigantischen Summen, die bei beispielsweise 1000 € im Monat beietwa 1 Billion Euro läge.

Als förderlich bezeichnete Butterwegge die Einführung einer sozialen Bürgerversicherung.

In der auf den Vortrag folgenden Diskussion stellte das Publikum nochmals einige Fragen zum Bedingungslosen Grundeinkommen und kritisierten die Schwächung der sozialen Förderungsmodelle.

Butterwegge ging nochmals darauf ein, das Resignation keine Abhilfe schaffe und eine Wiederinstandsetzung des Sozialstaates nur durch einen langen Atem und eine sachliche Argumentation erzielt werden könne.

Er wies darauf hin, dass Bündnisse und Zusammenschlüsse der Bürger bei der Durchsetzung dieser Dinge enorme Bedeutung hätten, wenn die Zukunft durch eine friedlichere und demokratischere Welt geprägt sein soll.

Alex Füller vom Obdach e.V. verabschiedete am Ende das Publikum und dankte Butterwegge noch einmal für seinen Vortrag.

Alle Berichte, Interviews und Videoclips zur Aktionswoche finden Sie über http://www.rbe-media.com/tag/aktionswoche-gegen-altersarmut-2012.

Weitere Informationen zur Aktionswoche gibt es auf der Website deswww.das-heidelberger-buendnis.de

 

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